Resilientere Menschen reichen nicht – wir brauchen eine resilientere Tiermedizin

Ein Kommentar zum aktuellen Tagesschau-Beitrag über psychische Belastung und Suizidrisiko in der Tiermedizin – und darüber, warum Resilienz allein nicht reicht.

 

Der aktuelle Beitrag von SWR und Tagesschau über die hohe psychische Belastung und das erhöhte Suizidrisiko in der Tiermedizin hat mich beschäftigt. Nicht, weil mich das Thema überrascht – sondern weil ich seit Jahren sehe, wie viele großartige Menschen in diesem Beruf an ihre Grenzen kommen.

Menschen, die Tierärztin oder Tierarzt geworden sind, weil sie Tiere behandeln, Leben retten und etwas Sinnvolles tun wollten. Und die irgendwann feststellen: Ein erstaunlich großer Teil ihrer Energie geht gar nicht in die Tiermedizin. Sondern in Personalmangel, Überstunden, Notdienste, Konflikte im Team, schwierige Kundengespräche, Preisdiskussionen, unklare Zuständigkeiten, fehlende Delegation – und in das permanente Gefühl, dass alles gleichzeitig wichtig ist.

 

Was die Zahlen zeigen

Im Tagesschau-Beitrag werden lange Arbeitstage, Notdienste, Personalmangel, wirtschaftlicher Druck und schwierige Gespräche mit Tierhalter:innen als zentrale Belastungsfaktoren beschrieben. Eine deutsche Untersuchung, auf die sich der Beitrag stützt, kommt zu einem klaren Ergebnis: Das Suizidrisiko von Tierärzt:innen ist etwa fünfmal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Frühere Studien aus Deutschland und anderen Ländern zeigen ein ähnliches Bild – unabhängig davon, wie genau gemessen wurde, bleibt der Befund derselbe: Die psychische Belastung in unserem Beruf ist strukturell hoch, nicht zufällig.

Warum „Sei resilienter“ nicht reicht

 

Das dürfen wir nicht als individuelles Problem behandeln. Natürlich brauchen wir Angebote für psychische Gesundheit. Natürlich brauchen wir Resilienz. Natürlich müssen wir lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen und Unterstützung anzunehmen.

Aber Resilienz darf nicht bedeuten: Lerne, besser auszuhalten, was dich krank macht.

Wir müssen auch über die Systeme sprechen, in denen Menschen arbeiten. Über Führung. Über Arbeitsorganisation. Über Kommunikation. Über Delegation und Verantwortung. Über Fehlerkultur. Über Arbeitszeiten und Notdienste. Über wirtschaftlich gesunde Praxen, in denen fehlende Strukturen nicht dauerhaft durch persönlichen Einsatz kompensiert werden müssen.

Und vielleicht müssen wir uns eine unbequeme Frage stellen: Wie viel von dem, was wir in der Tiermedizin als „Berufsrealität“ akzeptieren, müsste eigentlich gar nicht so sein?

Zwei Perspektiven, ein Fazit

 

Ich kenne beide Seiten. Ich bin Tierärztin geworden, weil ich Tiere behandeln wollte. Später habe ich selbst eine Praxis aufgebaut und viele Jahre geführt – von der Einzelpraxis bis zu einem Team von über 50 Menschen. Und ich weiß heute: Eine gute Praxis entsteht nicht dadurch, dass engagierte Menschen immer noch ein bisschen mehr geben. Sie entsteht, wenn Strukturen Menschen tragen – statt dass Menschen die Strukturen tragen müssen.

 

 

Was eine tragende Struktur konkret bedeutet


• Wenn Verantwortung verteilt wird – statt bei einer Person zu bleiben.
• Wenn Führung nicht nebenbei passiert, sondern als eigene Aufgabe verstanden wird.
• Wenn Mitarbeitende wissen, was von ihnen erwartet wird – und gleichzeitig mitgestalten dürfen.
• Wenn Konflikte angesprochen werden, bevor sie eskalieren.
• Wenn Arbeitsabläufe funktionieren, statt täglich neu improvisiert zu werden.
• Wenn wirtschaftlicher Erfolg nicht gegen Menschlichkeit ausgespielt wird.
• Wenn ein Feierabend tatsächlich ein Feierabend sein darf.


Das ist für mich inzwischen ein zentraler Teil moderner Tiermedizin. Bessere Arbeitsbedingungen sind kein Nice-to-have. Sie entscheiden darüber, ob gute Menschen in diesem Beruf bleiben. Und damit am Ende auch darüber, wie gut wir Tiere versorgen können.

Was das für deine Praxis bedeuten kann


Systeme verändert man nicht über Nacht – aber man kann anfangen. Drei Fragen, die sich jede Praxisinhaberin und jeder Praxisinhaber stellen kann:


• Wo in unserer Praxis trägt aktuell noch eine einzelne Person, was eigentlich eine Struktur tragen sollte?
• Wo vermeiden wir ein klärendes Gespräch, das längst überfällig ist?
• Wo haben wir uns an einen Zustand gewöhnt, den wir eigentlich nicht länger hinnehmen wollen?


Ehrliche Antworten auf diese Fragen sind der erste Schritt – nicht zu mehr Selbstoptimierung, sondern zu einer Praxis, die trägt.


Wir dürfen das System verändern


Wir müssen nicht nur darüber sprechen, wie Tierärzt:innen mit einem belastenden System besser klarkommen. Wir dürfen das System verändern. Praxis für Praxis. Team für Team. Führungskraft für Führungskraft.


Wenn du merkst, dass genau das auch in deiner Praxis ein Thema ist – sei es beim Delegieren, in der Kommunikation im Team oder in der Führung selbst – melde dich gerne. Oft hilft schon ein erstes klärendes Gespräch, um zu sehen, wo der nächste sinnvolle Schritt liegt.