Praxismanagement Tierarztpraxis: 5 Werkzeuge für den Alltag

 

Belastung im Praxisalltag der Tiermedizin – ein typischer Dienstag

„Ich kann nicht mehr.“

Ein ganz normaler Dienstagnachmittag. Wartezimmer voll. Meine TFA kam mit Tränen in den Augen rein und sagte genau diesen Satz. Gleichzeitig klingelte mein Handy – ein wichtiger Anruf. In drei Minuten wartete ein Hund auf die Abschlussuntersuchung.

Und ich dachte nur: Ich auch nicht.

Kein besonders schlimmer Tag. Ein durchschnittlicher Dienstag.

Solche Situationen kennen viele Tierärzt:innen. Die Frage ist nicht mehr, ob Stress im Praxisalltag existiert, sondern:

Was hilft konkret – ohne zusätzlichen Workshop oder Großprojekt?

Studien zeigen ein ernstes Bild:

  • - Rund 20 % der Tierärztinnen und Tierärzte berichten von Suizidgedanken

  • - Etwa 15 % haben ein hohes Burnout-Risiko

Doch Zahlen allein helfen niemandem weiter. Was wirklich hilft, sind konkrete Werkzeuge für den Praxisalltag

 

 

Fünf Werkzeuge für mehr Klarheit und Führung im Praxisalltag

Diese fünf Methoden lassen sich sofort umsetzen – ohne Vorbereitung oder Zusatztraining.

Werkzeug 1: Die Drei-Sekunden-Frage – Klarheit über die eigene Rolle

Tierärztin, Chefin, Kollegin, Krisenmanagerin – manchmal alles innerhalb von fünf Minuten.

Die Erschöpfung entsteht häufig nicht durch die Arbeitsmenge, sondern durch das ständige unbewusste Wechseln zwischen Rollen.

Das Werkzeug ist simpel:

Bevor ich reagiere, stelle ich mir eine Frage:

Was braucht diese Situation gerade von mir?

Nur drei Sekunden.

Doch diese kurze Pause verhindert, dass man automatisch in mehrere Rollen gleichzeitig springt.

Beispiel:
Eine TFA meldet einen Fehler bei der Medikamentenbestellung.

Fragen Sie sich:

  • Bin ich gerade Krisenmanagerin, die das Problem sofort löst?

  • Oder Führungskraft, die fragt: Was brauchst du, um das künftig selbst zu lösen?

Diese kleine Entscheidung spart überraschend viel Energie.

Praxisübung

▶ Heute Abend aufschreiben:
Welche drei Rollen habe ich gestern in der Praxis übernommen?

Werkzeug 3: Zwei Minuten im Teambriefing – Fehler als Lernchance nutzen

In der Tiermedizin können Fehler gravierende Folgen haben. Deshalb entsteht häufig eine Kultur, in der Unsicherheiten versteckt werden.

Die Psychologin Carol Dweck beschreibt zwei Denkweisen:

Statisches Mindset

Fehler = persönliches Versagen

Dynamisches Mindset

Fehler = Information und Lernchance

Das Werkzeug dauert zwei Minuten im Teammeeting.

Eine einzige Frage:

Was hätte diese Woche fast nicht geklappt – und was lernen wir daraus?

Wichtig:

  • - keine Schuldzuweisung

  • - keine Namen

  • - nur Lernen

Die Führungskraft sollte beginnen:

„Ich habe am Mittwoch vergessen, die Laborbefunde gegenzuchecken. Ab jetzt blocke ich mir dafür einen festen Termin.“

Praxisübung

▶ Im nächsten Teammeeting genau diese Frage stellen.

 

 

 

 

 

 

Werkzeug 2: Die Passung prüfen – der richtige Führungsstil im Team

Ein klassisches Führungsmodell zeigt:
Der richtige Führungsstil hängt nicht von der Persönlichkeit der Führungskraft ab, sondern vom Reifegrad des Mitarbeitenden.

Vier typische Situationen:

  • - Motiviert, aber unerfahren → braucht klare Struktur

  • - Kompetent, aber unsicher → braucht Ermutigung

  • - Fähig, aber noch nicht ganz überzeugt → braucht Vertrauen

  • - Kompetent und motiviert → braucht Freiraum

Beispiel aus der Tierarztpraxis:

Eine neue TFA, die zum ersten Mal Röntgenbilder erstellt, profitiert von einer klaren Schritt-für-Schritt-Anleitung.

Die erfahrene Kollegin empfindet dieselbe Anleitung eher als Misstrauen.

Selbstführung gehört ebenfalls dazu:

Man kann in der Diagnostik sehr sicher sein – und gleichzeitig noch Anfängerin in schwierigen Mitarbeitergesprächen.

Praxisübung

▶ Eine Person im Team auswählen.
Passt mein Führungsstil wirklich zu ihrer aktuellen Situation?

Werkzeug 4: Drei Sätze statt Regelwerk – Orientierung im Team geben

Viele Praxen versuchen Sicherheit durch immer mehr Regeln zu schaffen.

Doch Teams brauchen oft nicht mehr Regeln, sondern klare Haltung.

Zuversichtliche Führung bedeutet:

Nicht alle Antworten zu kennen – aber Vertrauen zu vermitteln.

Ein Satz kann bereits Wirkung haben:

„Ich weiß gerade noch nicht, wie wir das lösen – aber wir werden es gemeinsam herausfinden.“

Tierärztliche Teams spüren sehr genau, mit welcher Haltung eine Führungskraft in den Tag startet.

Praxisübung

▶ Drei Sätze formulieren, die beschreiben, wofür Ihre Praxis steht.

Werkzeug 5: Das eigene Frühwarnsignal erkennen

In vielen Praxen gilt die Regel:

„Erst das Team, erst die Patienten – ich zuletzt.“

Doch langfristig funktioniert das nicht.

Selbstfürsorge als Führungskraft bedeutet:

  • - Pausen als festen Termin einplanen

  • - Unterstützung annehmen

  • - klare Grenzen setzen

Eine wichtige Frage lautet:

Was ist mein persönliches Frühwarnsignal?

Nicht „Ich bin müde“, sondern etwas Konkretes:

  • - „Ich werde schneller ungeduldig.“

  • - „Ich schlafe schlechter.“

  • - „Ich mache mehr Fehler als sonst.“

Wer das eigene Signal kennt, kann früh gegensteuern.

Praxismanagement in der Tierarztpraxis: Kleine Werkzeuge mit großer Wirkung

Keines dieser Werkzeuge löst alle Probleme.

Aber jedes einzelne verändert etwas:

  • - im eigenen Stresslevel

  • - im Teamklima

  • - im Führungsstil

Und manchmal reicht genau das, um den nächsten Dienstagnachmittag anders zu erleben.

Welche dieser Methoden hätte diese Woche den größten Hebel in Ihrer Praxis?

Saskia Czempiel-Bartels ist Tierärztin und systemische Business Coach


Sie leitete 15 Jahre lang eine der größten Kleintierpraxen Berlins und entwickelte sie von der Einzelpraxis zu einem Team mit über 50 Mitarbeitenden.

Heute begleitet sie Tierarztpraxen bei:

  • - Praxismanagement
  • - Organisationsentwicklung
  • - Führung und Teamkultur
  • - Resilienz im Praxisalltag.